
Elsa
ist im Jahre 2001 an uns herangetreten mit der Bitte, ein freiwilliges
zweiwöchiges Praktikum machen zu können. Gerne haben wir
diesem Wunsch entsprochen. Zur Überraschung aller war Elsa
10 Monate später immer noch bei uns. Ihr Verhältnis zum
Team und insbesondere zu den Kindern war derart herzlich, dass wir
der gemeinsamen Zeit mit ihr immer noch nachtrauern.
Gleichzeitig
sind wir natürlich froh, dass sie einen Studienplatz (Lehramt
an Grundschulen) bekommen hat. Wir freuen uns immer, wenn sie
einmal die Zeit findet, uns zu besuchen.
Eigentlich
habe ich mich nie für die Freie Schule interessiert. Ich
bin davon augegangen, dass die Kinder dort nichts lernen und nur
den ganzen Tag spielen. Diesen Eindruck hat man jedenfalls, wenn
man versucht drei Stockwerke höher Abitur zu machen. Aus
Langeweile bin ich dann zu dem Info-Abend gegangen. Und irgendwie
fand ich das Team nett und auch die Atmosphäre hat mir gefallen
und die schönen Klassen mit den runden, großen Tischen.
Also dachte ich mir, ein 2-wöchiges Praktikum ist vielleicht
ganz nett. Aus den 2 Wochen sind im Endeffekt 10 Monate geworden,
und ich bereue keinen Tag, an dem ich in der Freien Schule war
(ausser vielleicht Fasching, denn da gibt es so peinliche Fotos
von mir).
Für jemanden,
der aus einer Regelschule kommt, ist es erstmal schwierig, sich
an den Tagesablauf zu gewöhnen. Man muss sich erstmal ein
ganzes Stück auf diese ganz andere Schulform einstellen,
um sie überhaupt richtig erleben zu können. Das hat
bei mir eine ganze Weile gedauert.
Nach 2 Monaten
an der Freien Schule habe ich meine Cousine in Stuttgart besucht.
Sie ist auch Grundschullehrerin und ich konnte ihr eine Woche
lang zuschauen.
Wie sehr ich auch versucht habe die Sache objektiv und von allen
Seiten zu betrachten, hatte ich in der Klasse meiner Cousine immer
das Gefühl, dass den Kindern ein Stück Entscheidungsfreiheit
genommen wird. Sie taten mir im Gegensatz zu den Freie-Schule-Kindern
leid. Weil sie immer gemacht haben ,was der Lehrer sagt, nicht
animiert wurden, kreativ zu sein und auch niemals auf den Gedanken
gekommen wären, sich selber etwas auszudenken, geschweige
denn in der Lage gewesen wären, selbständig zu entscheiden,
wie sie sich ihre Arbeit einteilen oder was sie arbeiten wollen.
Auch ein Junge dieser 3. Klasse tat mir leid. Er war sehr gut
in Mathe und hat sich offensichtlich die ganze Zeit gelangweilt.
Auch meine Cousine wußte das, und auf meine Frage, ob sie
ihm nicht etwas aus der 4. Klasse geben könnte, fragte sie
mich, was sie ihm denn dann in der 4. Klasse geben sollte. Meiner
Meinung nach sollte sie ihm dann etwas aus der 5. Klasse geben.
Und was sollen die ihm in der 5. Klasse geben, fragte sie mich.
Darauf wußte ich keine Antwort und der Junge tat mir noch
mehr leid. Weil das Schulsystem so dämlich ist und viele
Lehrer so faul. Und weil meine Cousine Recht hat, aber nicht recht
haben sollte, weil es möglich sein muß, jedes Kind
individuell zu fördern.
Vielleicht hat es da schon angefangen und jetzt weiß ich
mit Bestimmtheit, dass ich nie wieder an einer Regelschule unterrichten
kann. Mir würden die Kinder leid tun.
Das war eine Sache, die mir an der Freien Schule am besten gefallen
hat, dass jedes Kind nach seinem Stand individuell gefördert
wird und nie unter- bzw. überfordert ist. Auch finde ich
es toll, wie die Kinder lernen, sich Ihre Zeit eigenverantwortlich
einzuteilen. Das klappt zwar nicht bei allen Kindern, aber bei
den meisten.
Auch das gemeinschaftliche Mitagessen finde ich sehr wichtig für
die Kinder. Verantwortlich zu sein, dass das Essen auf dem Tisch
steht und nach dem Essen die Tische wieder sauber sind.
Genauso wie das Zubereiten des Essens beim Kinderkochen. Nie wieder
lernen Kinder mit so viel Spaß zu kochen wie beim Kinderkochen
und das ganz ungezwungen.
Viel Spaß haben mir die Projektwochen gemacht, und ich finde
es sehr schade, dass ich dieses Jahr nicht dabei sein konnte.
Beim Spielen auf dem Hof habe ich die Kinder gerne beobachtet.
In keiner anderen Schule, die ich erlebt habe, konnten die Kinder
so kreativ in ihren Pausen sein. Die Möglichkeit Buden zu
bauen finde ich klasse und auch an der Wasserwerkstatt sollten
sich andere Schulen ein Beispiel nehmen.
Aber ich habe auch manchmal negative Seiten an der freien Schule
entdeckt. Vielleicht sind einige davon nur für mich persönlich
negativ, vielleicht auch, weil ich es nicht besser weiß.
Aber auf jeden
Fall hat mir die Zeit an der Freien Schule sehr viel Spaß
gemacht. Obwohl ich meine Kinder früher nie auf die Freie
Schule geschickt hätte, würde ich sie jetzt nur auf
eine Freie- oder eine Montessori-Schule schicken. Bei dieser Gelegenheit
möchte ich mich nochmal ganz dolle beim gesamten Team für
diese tolle Zeit bedanken und natürlich auch bei den Kindern,
die es so lange mit mir ausgehalten haben.
Eure Elsa
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